Muttertag & Mutterkreuz
Der Muttertag ist der Tag, an dem die Mütter Blumen, Naschereien und auch Sonstiges als Aufmerksamkeit geschenkt bekommen; für alle Arbeit und Mühen der Kindeserziehung und der Anstrengungen, die sie für die Familien aufbringen.

Muttertag! Ach, wie nett, könnte frau und mann meinen, schließlich ist es mit der materiellen Anerkennung der gesellschaftlich unentbehrlichen Arbeit von Müttern sonst nicht weit her.
Im Gegenteil Mutterschaft verkompliziert das gesellschaftliche Leben, als Frau gibst du ja insgesamt dein individuelles Leben auf, sobald du Mutter wirst, du schläfst, wenn es dein Kind erlaubt, als stillende Mutter beeinflusst dein Schatz sogar deine Ernährung,usw...von finanzieller Abhängigkeit, beruflichen Karriereeinbußen,...gar nicht zu reden.
Warum also den Muttertag nicht Muttertag sein lassen und sich nicht mit dieser, wenn auch bescheidenen Anerkennung für Frauen mit Kindern zufrieden geben?
Warum muss der Muttertag Gegenstand näherer Betrachtung sein?
Bis heute entspricht er einem konservativen Frauenbild und wird mit diesem transportiert.
Zudem lassen sich einige Parallelen ziehen zwischen dem Muttertag, wie er sich heute darstellt, und seiner Erscheinungsweise in der Zeit vor dem Hitler-Faschismus, in der Weimarer Republik.
Woher kommt der Muttertag?
Die Amerikanerin Ann Jarvis, deren Mutter früh gestorben war, forderte erstmals 1907 einen Tag, an dem der Mütter gedacht werden sollte.
Die Idee setzte sich durch und schon 1914 wurde er zum amerikanischen Staatsfeiertag erklärt.
In Deutschland griffen konservative Gruppierungen den Tag zur Ehrung der Mütter auf, mit nur mäßigen Erfolg, bis im Jahre 1923 der "Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber" die Idee vermarktete, ganz im Sinne der bürgerlichen-konservativ-nationalistisch Gesellschaft .
Der "deutsche Muttertag" sollte der Tag sein, an dem Mütter Blumen von ihren Kindern, oder wenn diese zu klein waren, von den Ehemännern geschenkt bekamen.
Muttertag versus Internationalen Frauentag
Im Jahre 1910 wurde der Internationale Frauentag durch die 2. Internationale sozialistische Frauenkonferenz eingeführt.
Seit 1911 wird der 8. März als internationaler Frauentag in der revolutionären Frauenbewegung als Tag des Kampfes für die Rechte der Frauen, begangen und gefeiert - bis heute. Die sozialistische Frauenbewegung sprach sich für ein von männlicher, glaubensmotivierter und ökonomischer Unterdrückung befreites Leben von allen Frauen aus. . Neben vielen schmerzlichen Erfahrungen vieler Frauen während des ersten Weltkrieges, entstand doch auch ein neues Selbstbewusstsein, das nicht zuletzt mit der Teilnahme am Produktionsprozess zusammenhing.(Frauen ersetzten in vielfäftiger Weise die im Krieg befindlichen Männer.) Das Bewusstsein vieler Frauen war nach dem Krieg gestärkt, sich allen Versuchen zu widersetzten, in die Hausfrauen- und Mutterrolle zurückgedrängt zu werden. Sie wollten am Bildungs- und Produktionsprozess und überhaupt am gesellschaftlichen und politischen Leben gleichberechtigt teilhaben. Dies war auch ein Ziel der fortschrittlichen Frauenbewegung, die in der kommunistischen und sozialistischen Arbeiterpartei der Weimarer Republik Rückhalt fand. Es waren Frauen wie Clara Zetkin, Käthe Duncker und Helene Overlach, die dem Kampf um die Rechte der Frauen und dem Internationalen Frauentag in Deutschland zum Durchbruch verhalfen.
Die Muttertagsbewegung der Weimarer Republik war hingegen, neben einer Werbeaktion zur Umsatzsteigerung verschiedener Industriezweige, eine Gegenreaktion der bürgerlich-christlichen, konservativen Männer und Frauen, gegen die proletarische, sozialistische Frauenbewegung.
Im Gegensatz zum Internationalen Frauentag und den damit verbundenen Forderungen, entsprach der Muttertag dem konservativen Frauenbild. Die sprichwörtliche Opferbereitschaft der Frauen sollte gewürdigt werden.
Die ideologischen Vorläufer der Nazis zur Zeit der Weimarer Republik waren nicht untätig: Zwischen 1918 und 1933 griffen nicht nur rassistisch motivierte Bevölkerungspolitiker den Muttertag auf, auch die Kirchen bedienten sich der Idee, die Mutterrolle der Frau in den Mittelpunkt zu stellen und die Mütter zu ehren, im speziellen hatte ja die katholische Kirche eine traditionelle Mutterverehrung, in Form der Marienverehrung.
Ein Propagandaspruch der Nazis lautete später: "Heilig soll uns sein jede Mutter deutschen Blutes".
Die Nazis führten ab Mai 1934 den Muttertag als nationalsozialististischen Feiertag ein,
der Internationale Frauentag wurde verboten, damit hatte das völkische Frauen- und Mutterbild das internationale erfolgreich verdrängt.
Die heilige Mutterverehrung der Nazis schützte natürlich nicht nicht die Frauen und Mütter, die zu den von den ihnen verfolgten Gruppen gehörten und die im Widerspruch zur völkischen Ideologie standen, nichtarische Frauen waren von der Mutterverehrung ausgeschlossen, wurden eher mit Häme betrachtet, nicht selten wurden sie zwangssterilisiert, oft wurden ihnen die Kinder weggenommen:
Betriebe wurden im Krieg verpflichtet, Zwangsabtreibungen zu veranlassen, um Arbeitausfälle zu vermeiden.
Wenn die Bevölkerungspolitiker der Weimarer Republik auch noch keine offen rassistische Zielsetzung verfolgt hatten, so waren sie doch in eugenischer Hinsicht die Wegbereiter der späteren Rassenpolitik der Nazis.
Einer der Vertreter dieser Bevölkerungspolitik der zwanziger Jahre in Deutschland war Hans Harmsen. Er tat sich in der Muttertags-Propaganda besonders hervor. In der Weimarer Republik Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung" war er zugleich Mitglied des Zentralausschusses der "Inneren Mission" der evangelischen Kirche.
Er trat für den Kinderreichtum der deutschen Frauen ein, solange die Kinder im Sinne der Eugeniker erbgesund waren. Er war ebenfalls Mitbegründer und Leiter der evangelischen Fachkonferenz für Eugenik. Hans Harmsen wurde in den vergangenen zehn Jahren immer wieder genannt im Zusammenhang mit der Verstrickung der evangelischen Kirche in die Sterilisationsverfahren gegen sogenannte Minderwertige und in die Verfahren zur Beseitigung "lebensunwerten Lebens", im Muttertag sahen er und seine Gesinnungsgenossen eine überaus günstige Möglichkeit, seine bevölkerungspolitischen Pläne zu progagadieren.
Die Nazis übernahmen entschlossen den "Deutschen Muttertag" als nationalen Feiertag, ebenso führten sie die "Mütterehrungsfeiern" für deutsche Mütter weiter, die es, ohne offen rassistische Ausrichtung, schon in der Weimarer Republik gegeben hatte.
Die Mutter im Kreis ihrer Kinder sollte das Bild der werktätigen Frau aus dem Bewußtsein verdrängen.
Lieder, Sprüche,Sprechchöre und Schauspiele wurden bei "Mütterehrungsfeiern" unter der Aufsicht der Reichspropagandaleitung am Muttertag vorgetragen.
In ganz traditioneller Weise mussten die Kinder zuerst von "Sträußelein und Kränzelein" säuseln. Bei der zweiten Strophe mussten dann Kinder auf der Bühne vor einem großen Mutterbild niederkniehen und singen: Neigen uns vor deinem warmen Herzen Mutter du der Freuden und der Schmerzen, unseres Lebens Sonnenschein! dass dein Bild im Leben uns begleite, dass es segnend steh an unsrer Seite liebes goldnes Mütterlein.
"Deutsche Frauen" wurden auf pseudoreligiöse Weise verehrt und unter den Schutz des Staates gestellt, soweit sie sich staatskonform verhielten. In den ersten Jahren der Naziherrschaft gab es bei diesen Mutterehrungsfeiern inhaltlich noch keine Führerehrung, keine Ehrung der Mutter Hitlers und auch nicht den für die Muttertagsfeiern während des Kriegs so typischen Helden -und Totenkult. Kultische Elemente, traten auf vor allem in Anlehnung an den Marienkult auf, einige Nazi-Ideologen versuchten auch, den Muttertag auf keltische Ursprünge zurückzuführen, was ihnen jedoch nicht gelingen wollte.
Ein öffentlich wirksamer Höhepunkt des Nazi - Mutterkults waren die Mutterkreuz-Verleihungen: Seit 1939, also mit Beginn des Krieges, wurden "Mutterehrungsfeiern" durchgeführt, bei denen an kinderreiche deutsche Mütter das "Mutterkreuz" verliehen wurde, als "sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter".
Die "Mutterkreuze" waren in drei Stufen eingeteilt: Bronze bekamen Mütter von vier oder fünf Kindern. Silber bekamen Mütter von sechs oder sieben Kindern. Und Mütter mit acht oder mehr Kindern bekamen das Goldene. .Die Auswahlkriteien hingen aber nicht nur von der Kinderzahl ab, sondern besonders von der Zugehörigkeit der "Arischen Rasse" und des "Wertes des Erbgutes", das durch die Gesundheitsämter ermittelt wurde Auschließungsgründe waren beispielsweise : "Unsittlichkeit", "Arbeitsscheu", "Vernachlässigung des Haushalts" , "Trunksucht" und "Verehelichung mit einem Ausländer". Was vielen Frauen zum Verhängnis wurde, war die Tatsache, dass jeder bei der NSDAP einen Antrag auf Verleihung des Mutterkreuzes stellen konnten, und die Mutter dadurch ins Fadenkreuz der erbbiologischen Überprüfung kam. Es kam auch vor, dass der Familie die staatliche Fürsorge entzogen wurde, wenn sich bei der Bearbeitung von Anträgen herausstellte sollte, dass es sich um eine "asoziale" oder "unsittliche" Mutter handeln würde. Nicht selten wurde nach einem Antrag statt einer Ehrung eine Zwangssterilisierung verfügt.
Bis 1941 waren 4,7 Millionen "Mutterkreuze" verliehen worden, in ihrem Aussehen bewusst an das Eiserne Kreuz erinnernd, also an eine militärische Auszeichnung, nach dem Motto: die Frau vergießt ihr Blut im Wochenbett, der Mann auf dem Schlachtfeld. "Mutterkeuz"-Trägerinnen sollten nicht nur verehrt werden, sondern sie und ihre Familien sollten einige Annehmlichkeiten erfahren, die ihnen ihren angeblichen Wert für "Volk und Führer" bewusst machen sollten. Unter anderem erhielten sie staatliche Fürsorge und ihnen wurde während des Krieges zusätzliche Lebensmittelhilfen zu Teil. Von den Nazi-Propagandisten wurde auch in den letzten Kriegsjahren versucht, die Frauen zur Gebärfreudigkeit anzuhalten. Durch die kultische Ehrung und die damit verbundenen Feiern sollten Mütter beim Verlust ihres Kindes durch den Krieg vor Verzweiflung oder Auflehnung gegen den Führer bewahrt werden. Sie sollten sich als Frauen begreifen, die ihre "heilige Pflicht" erfüllt hätten. Die Mütterehrungen wurden bis 1944 fortgesetzt.
Nach dem Krieg wurde die Muttertags-Idee wieder aufgegriffen.
Quelle des Gesamttextes:
Irmgard Weyrather, Muttertag und Mutterkreuz, der Kult um die "deutsche Mutter" im Nationalsozialismus, Fischer Verlag, 1993.