Die Feenkönigin vom Jauerling
Einmal vor zeitloser Zeit da lebte unweit von meinem Wohnort eine Mutter und ihre Tochter im tiefen Wald.
Die Mutter lag seit Jahren krank darnieder; alle Ärzte, die sie aufsuchten beschieden der Frau , dass ihre Krankheit unheilbar sei. Sorgenvoll zerbrach sich die Tochter den Kopf, was sie wohl tun könnte um ihrer Mutter zu helfen und sie pflegte sie jahrein jahraus liebevoll und aufopfernd.
Da hörte das Mädchen eines Tages, wie mitleidige Nachbarn erzählten , es gebe wohl ein Wundermittel, die Kranke zu heilen; das sei das Wunderblümchen , das ein jungfräuliches Mädchen um Mitternacht beim Vollmondschein hoch oben auf dem Jauerling pflücken müsse. Es sei aber so selten, daß nur ein Sonntagskind es finden würde.
Das Mädchen überlegte nicht lange. Sie liebte ihre Mutter so heiß und innig, daß ihr keine Mühe zu groß, kein Pfad zu steil , kein Abenteuer zu gefährlich, um es für ihre geliebte Mutter nicht auf sich zu nehmen. Ausserdem war sie an einem Sonntag geboren, was ihr ein gutes Omen verhieß. ![]()
Gleich in der nächsten Vollmondnacht verließ sie sich aus dem Haus, stieg die Schlucht des Groisbaches hinan und kletterte im einsamen Wald die Hänge des Jauerlings empor. Keine Angst, keine kratzigen Dornen und keine steilen Abgründe konnten sie aufhalten Nur ein Gedanke erfüllte ihr ganzes Denken: ihre Mama sollte wieder gesund werden.
Unterdessen war der Mond immer höher gestiegen und ließ seine bleichen Strahlen durch das Geäst der Bäume spielen, die ganz plötzlich zurücktraten und eine weite Lichtung freigaben, in deren Mitte das verwunderte Mädchen ein herrliches Schloß erblickte. Zögernd trat das schöne Mädchen an das prächtige Schloß heran. Da öffnete sich dessen Tor und eine wunderschöne Frau stand unter dem Torbogen und winkte dem Mädchen einzutreten.
Durch einen blühenden Zaubergarten, in dem die lieblichsten Blumen standen und jubelnde Mädchen fröhliche Spiele trieben, führte die Fee das Mädchen in einen glänzenden Saal.
"Nun sag mir, mein Kind", sprach sie dort,, "was willst du von mir? Möchtest du bei mir bleiben? Soll ich Mädchen herbeirufen, damit sie dich zu ihren Spielen einladen? Sag es ruhig, mein Kind, ich will dich gern in meinem Schloss behalten, du wirst es nicht bereuen."
Doch das Mädchen schüttelte ablehnend den Kopf. »Meine Mutter ist sehr krank«, flüsterte sie. "Ich möchte so gern, daß sie wieder gesund wird. Kannst du mir nicht das Wunderblümchen geben, damit sie gesund wird ?"
Nochmals versuchte die schöne Feenkönigin, das Mädchen zum Bleiben zu bewegen. Aber alle Verlockungen, alle Versprechungen, die Aussicht auf die herrlichsten Kleider, die schönsten Spiele konnten den Sinn des Mädchens, nicht ändern. Sie bat die Feenkönigin, nicht böse zu sein, wenn sie nicht bliebe, denn ohne ihre Mutter hätten alle Herrlichkeiten der Welt für sie keinen Sinn.
Da lächelte die weise Fee und sprach: "Du bist ein gutes Mädchen. Du sollst die Wunderblume haben. Deine Mutter wird wieder gesund werden, und du selbst wirst den Lohn für deine Liebe und Treue in einem glücklichen Leben auf Erden finden. Nun geh und grüße deine Mutter von mir!"
Das Mädchen wollte der Fee gerade überschwenglich danken, da verschwand die Fee, das Schloß und alles übrige vor ihren Augen und sie auf der Lichtung mitten im Wald, Ruhe herrschte ringsum, nur der Mond lächelte auf sie herab.
Der Segenswunsch der Feenkönigin ging in Erfüllung:
Als das Mädchen wieder heimkam, trat ihr schon unter der Tür gesund die geliebte Mutter entgegen, der sie nun fröhlich in die Arme flog!